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Feldpost-Kartenbrief aus Belgrad 1916 in die Schweiz

Unterfrankiert, nachtaxiert und mit großer Wahrscheinlichkeit zensiert

Auf den ersten Blick ist es ein bemerkenswerter Feldpost-Kartenbrief aus dem Ersten Weltkrieg. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass dieser Beleg gleich mehrere postalgeschichtlich und zeitgeschichtlich interessante Merkmale in sich vereint. Er verbindet Feldpost, Auslandsdestination, Unterfrankatur, schweizerisches Nachporto, eine auffällige Schwärzung im Inneren und schließlich auch eine philatelische Attestierung.

Der Kartenbrief stammt aus Belgrad und ist innen mit „Belgrad, 2/1 16“ datiert. Auf der Frankatur befindet sich der Feldpost-Tagesstempel K. D. Feldpoststation / 31 / Nr. 25 vom 03.01.1916. Adressiert war die Sendung nach St. Gallen in der Schweiz. Nach dem vorliegenden Attest handelt es sich um einen Feldpost-Kartenbrief eines Kraftfahrers des Deutschen Etappen-Kraftwagen-Parks Belgrad.

Philatelistisch besonders reizvoll ist zunächst die Frankatur. Nach dem Attest wurde der Kartenbrief nur mit 10 Pfennig frankiert, obwohl für die Auslandsbeförderung in die Schweiz 20 Pfennig erforderlich gewesen wären. Der Beleg war damit unterfrankiert. Der Fehlbetrag wurde auf schweizerischer Seite vermerkt und schließlich mit einer Portomarke zu 20 Rappen vom Empfänger erhoben. Gerade diese Verbindung aus Feldpost, Auslandspost, Unterfrankatur und Nachporto macht den Kartenbrief bereits für sich genommen zu einem außergewöhnlichen Stück.

Hinzu kommt die großflächige Schwärzung im Inneren. Auch sie verleiht dem Beleg eine besondere Aussagekraft. Nach dem Attest handelt es sich dabei mit größter Wahrscheinlichkeit um eine Zensur der Mittelmächte, da der Kartenbrief als Auslandskorrespondenz der militärischen Postüberwachung unterlag. Dass militärische Korrespondenz im Ersten Weltkrieg überwacht und zensiert wurde, entspricht dem allgemeinen Befund der Forschung; Zensur diente dazu, militärisch sensible Informationen aus dem Briefverkehr herauszuhalten.

Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die Erläuterungen auf der Rückseite des Attests. Dort wird darauf hingewiesen, dass der großflächigen Textlöschung die offene militärische Absenderangabe und auch die kopfstehend aufgeklebte Briefmarke gegenüberstehen, die offenbar unbeanstandet blieben. Gerade Letzteres ist philatelistisch bemerkenswert, weil eine ungewöhnliche Stellung der Marke in der damaligen sogenannten „Briefmarkensprache“ durchaus als möglicher Bedeutungsträger verstanden werden konnte. Das macht den Beleg nicht nur als Zensurstück interessant, sondern auch als Beispiel für die Grenzen und Widersprüche militärischer Postüberwachung.

Auch der historische Hintergrund erhöht die Aussagekraft dieses Stückes. Belgrad stand zum Zeitpunkt der Aufgabe bereits unter der Kontrolle der Mittelmächte. Die gemeinsame Offensive Deutschlands und Österreich-Ungarns gegen Serbien begann Anfang Oktober 1915; der bulgarische Angriff setzte kurz darauf ein. In der Folge wurde Serbien im Herbst 1915 in Besatzungszonen der Mittelmächte aufgeteilt.

Die Erläuterung auf der Attestrückseite fasst diesen militärischen Zusammenhang konkreter zusammen: Am 09.10.1915 kapitulierte die serbische Hauptstadt Belgrad vor Deutschland, Österreich-Ungarn und Bulgarien, nachdem im Laufe des Jahres an der serbischen Nord- und Nordwestgrenze 14 deutsche und österreichisch-ungarische Divisionen sowie an der Ostgrenze sechs bulgarische Divisionen gegen serbische Kräfte gekämpft hatten, um die Landverbindung zum verbündeten Osmanischen Reich herzustellen. Ende desselben Jahres floh schließlich König Peter I. über Albanien ins Exil; die Forschung hält fest, dass er den Rückzug begleitete und den Rest des Krieges unter anderem auf Korfu verbrachte.

Damit steht der Beleg nicht nur postalisch, sondern auch zeitgeschichtlich in einem sehr konkreten militärischen Zusammenhang. Er entstand in einer Phase, in der sich die Herrschaftsverhältnisse auf dem Balkan tiefgreifend veränderten und militärische Kontrolle unmittelbar in den Postverkehr hineinwirkte.

Ein weiteres beachtenswertes Detail ist der Erhaltungszustand. Laut Attest wurde der Rand des Kartenbriefes entlang seiner Perforation ordnungsgemäß geöffnet, ohne die schweizerische Portomarke zu beschädigen. Zugleich hebt das Attest hervor, dass sich das Stück in sehr schöner Optik präsentiert und in allen Einzelheiten echt und einwandfrei ist. Für die philatelische Einordnung ist das ein wesentliches Qualitätsmerkmal.