Eine Postkarte öffnet Speyerer Musikgeschichte
Berthold & Söhne – eine fast vergessene Instrumentenfabrik aus Speyer
Manchmal beginnt eine historische Spurensuche mit einem scheinbar unscheinbaren Beleg. Eine Schweizer Postkarte, adressiert an „Herr Berthold & Söhne / Musik-Instr.-Fabrik / Speier / Baiern“, führt mitten hinein in ein spannendes Kapitel Speyerer Stadt-, Handwerks- und Musikgeschichte.
Was auf den ersten Blick wie eine einfache alte Postkarte wirkt, wird bei näherem Hinsehen zu einem Schlüssel in die Vergangenheit. Denn hinter der Adresse verbirgt sich die Geschichte der Firma Georg Berthold & Söhne, einer Speyerer Instrumentenfabrik, die sich besonders auf hochwertige Holzblasinstrumente spezialisiert hatte.
Vom Beleg zur Spurensuche
Der Ausgangspunkt dieser Geschichte ist ein Beitrag von Friedel Lang. Er beschreibt, wie eine Schweizer Postkarte in seine Speyer-Sammlung gelangte. Adressiert war sie an die Musik-Instrumenten-Fabrik Berthold & Söhne in Speyer. Als er später auf dem alten Speyerer Friedhof am Familiengrab der Familie Berthold vorbeikam, war seine Neugier geweckt.
Damit zeigt sich sehr schön, was Philatelie leisten kann: Ein postalischer Beleg ist nicht nur ein Stück Papier mit Stempel und Adresse. Er kann Fragen aufwerfen, Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen, Firmen und Orte wieder in Erinnerung rufen.
Die Anfänge der Familie Berthold in Speyer
Die Geschichte der Familie Berthold beginnt handwerklich. Johann Friedrich Berthold, 1798 in Homburg vor der Höhe geboren, erlernte das traditionelle Drechslerhandwerk. Im Jahr 1822 stellte er in Speyer einen Antrag auf Bürgeraufnahme, dem stattgegeben wurde.
Aus seiner Ehe mit Katharina Krieger gingen mehrere Kinder hervor. Einer seiner Söhne war Georg Jakob Berthold, geboren 1824. Er sollte später für die Speyerer Musikgeschichte eine besondere Rolle spielen.
Georg Jakob Berthold eignete sich nach seiner Lehre auf Wanderschaften in Bayreuth, Paris, München und Wien Kenntnisse im Drehen, Drechseln und Instrumentenbau an. 1849 kehrte er nach Speyer zurück und gründete dort seine eigene Instrumentenbaufirma.
Holzblasinstrumente aus Speyer
Der Schwerpunkt der Firma lag eindeutig im Bau von Holzblasinstrumenten. Zunächst bildeten Flöten und Klarinetten in unterschiedlichen Ausführungen das Fundament des Bertholdschen Instrumentenbaus. Später kamen weitere Instrumente hinzu, darunter Bassetthörner, Bassklarinetten, Oboen, Englischhörner und Fagotte.
Die drei ältesten Söhne von Georg Jakob Berthold arbeiteten ebenfalls im Handwerk und brachten eigene Spezialisierungen ein. Friedrich Wilhelm Berthold, genannt Fritz, galt als Spezialist für den Flötenbau und verfügte offenbar über ein besonders ausgeprägtes musikalisches Gehör. Johann Wilhelm Berthold war vor allem für Klarinetten und Oboen zuständig. Georg Daniel Berthold widmete sich besonders dem Fagottbau und befasste sich wohl auch mit dem Metallblasinstrumentenbau, insbesondere mit Hörnern.
Damit war Berthold & Söhne nicht einfach nur eine kleine Werkstatt. Die Firma stand für spezialisiertes Können, handwerkliche Erfahrung und ein hohes Maß an musikalischem Verständnis.
Standorte in Speyer
Auch der konkrete Speyer-Bezug lässt sich greifen. Nach den Angaben im Beitrag von Friedel Lang besaßen die Kinder von Jakob Berthold nach dessen Tod in Erbengemeinschaft das Anwesen Wormser Straße 12. Dabei handelte es sich um das Gebäude der ehemaligen Buchhandlung Oelbermann. Das benachbarte Haus, Wormser Landstraße 11, hatte Friedrich Wilhelm Berthold bereits 1891 erworben.
Solche Angaben machen die Geschichte besonders anschaulich. Aus einer Adresse auf einer Postkarte wird ein realer Ort in der Stadt. Aus einem Firmennamen wird ein Stück Speyerer Wirtschafts- und Handwerksgeschichte.
Anerkennung über Speyer hinaus
Die Firma trat unter der Bezeichnung „Georg Berthold & Söhne, Speyer a. Rh., Kgl. Bayer. Hof-Musik-Instrumentenfabrikanten“ auf. Bereits seit der Münchner Industrie-Ausstellung 1854 war sie mit Musikinstrumenten vertreten. Später folgten weitere Auszeichnungen, darunter die große Verdienstmedaille auf der Wiener Weltausstellung 1873.
Weitere Nachweise zeigen, dass Instrumente von Berthold & Söhne heute in verschiedenen Sammlungen und Museen dokumentiert sind. Dazu gehören unter anderem Nachweise für Flöten, Piccolos, Oboen, Bassklarinetten, Klarinetten und Bassetthörner. Das unterstreicht, dass die Speyerer Firma nicht nur lokal interessant war, sondern überregional wahrgenommen wurde.
Besonders bemerkenswert ist auch der musikgeschichtliche Hinweis, dass deutsche Fagotte gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Österreich an Bedeutung gewannen. In diesem Zusammenhang werden Georg Berthold & Söhne aus Speyer neben Wilhelm Heckel aus Biebrich genannt. Damit erhält die Speyerer Firmengeschichte eine Bedeutung, die weit über die Stadt hinausweist.
Niedergang und Ende der Firma
Wie viele spezialisierte Handwerksbetriebe war auch Berthold & Söhne von wirtschaftlichen und familiären Entwicklungen abhängig. Bereits in den 1920er Jahren zeichnete sich ein Rückgang ab. Friedel Lang nennt fehlende Aufträge, die Berufsmüdigkeit der älter werdenden Brüder und fehlenden familiären Nachwuchs im Drechsler- und Holzblasinstrumentenbau als Gründe.
1937 wurde die Firma schließlich in der Handwerksrolle gelöscht. Kurz darauf starben die drei Brüder innerhalb weniger Monate. Damit endete ein bedeutendes Kapitel Speyerer Instrumentenbaugeschichte.
Philatelistische Einordnung
Für uns als Briefmarkensammlerverein ist diese Geschichte besonders wertvoll. Sie zeigt, dass Philatelie nicht bei Marke und Stempel endet. Eine Postkarte kann Ausgangspunkt für historische Recherche sein. Sie verbindet Postgeschichte mit Stadtgeschichte, Familiengeschichte, Handwerksgeschichte und sogar Musikgeschichte.
Der Beleg an Berthold & Söhne macht deutlich: Jede Adresse, jeder Stempel und jeder postalische Weg kann eine Geschichte tragen. Man muss nur genau hinsehen.
Gerade darin liegt die Faszination historischer Briefe und Postkarten. Sie bewahren nicht nur postalische Informationen, sondern auch Spuren von Menschen, Betrieben, Berufen und Orten, die sonst leicht in Vergessenheit geraten.
Die Schweizer Postkarte an Berthold & Söhne ist mehr als ein sammlerischer Einzelbeleg. Sie öffnet den Blick auf eine fast vergessene Speyerer Instrumentenfabrik, auf eine handwerklich geprägte Familie und auf eine Firmengeschichte mit überregionaler Ausstrahlung.
So wird aus einer alten Karte ein kleines Fenster in die Vergangenheit Speyers.